Raddampfer als Spielzeug, Nikobaren, um 1880. Museum für Völkerkunde Wien, Inv.Nr. 29.576 (Slg. Svoboda) |
Dass die Wertschätzung einer Sache mit ihrem Verlust steigt, gilt auch für das kulturelle Erbe. Besonders leidvoll mussten dies die Bewohner der Nikobaren und Andamanen erfahren, als vor einem Jahr der schreckliche Tsunami ihre Inselheimat verwüstete - und damit auch einen erheblichen Teil ihres materiellen Kulturbesitzes, dessen Bewahrung auch eine Folge der Isolationspolitik der indischen Regierung gewesen war. In den rasch errichteten Auffanglagern und bedroht vom unerwarteten Modernisierungsschub eines kulturell unsensiblen "Katastrophenkapitalismus" wurde den Flutopfern durch den Verlust der bisherigen Alltagsweltdeutlich, dass sie durch die Verheerung ihr kulturelles Erbe verloren hatten.
Der am Institut für Soziale Ökologie in Klagenfurt tätige indische Ökologe Simron Jit Singh, der schon vor dem Tsunami einen privilegierten Zugang zu den Nikobaren und ihren Bewohnern besaß, hat nun vor diesem Hintergrund das Buch The Nicobar Islands/Die Nikobaren (Wien 2005: Czernin Verlag) vorgelegt, in dem er die "traditionelle" Kultur der Insulaner rekonstruiert, um es - so die Verlagsinformation - den Überlebenden zu ermöglichen "an ihre Vergangenheit anzuknüpfen, um ihre Zukunft ökologisch nachhaltig, sozial gerecht und wirtschaftlich solide zu gestalten." Wie sehr das neu entdeckte kulturelle Erbe vor allem eine identitätsstiftende Rolle in diesem alternativen Modernisierungsprozess spielt, hat auch der Besuch einer Delegation von den Nikobaren im Museum für Völkerkunde Wien im Herbst 2005 gezeigt. Hier wurden sie mit Kulturdokumenten ihrer Ahnen konfrontiert, die seit dem 19. Jahrhundert in einem fremden Land als wertvoll betrachtet und bewahrt wurden, während zu Hause nicht erst der Tsunami, sondern die stetige Veränderung der lebendigen Kultur kaum etwas von den alten Dingen übrig gelassen hat. Gerade weil viele der Museumsobjekte den Besuchern mittlerweile rätselhaft geworden waren, erfüllte sie die Begegnung mit dem Ahnenerbe nicht nur mit Stolz, sondern auch mit jenem Schmerz über den Verlust, der auch uns überkommt, wenn wir im Museum angesichts der künstlich am Leben erhaltenen Vergangenheit an die Vergänglichkeit der Welt erinnert werden. Seitenanfang |
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